Der Doppelklanggong macht bim, bam
Museum des 20. Jahrhunderts: Im Baumarkt begegnet man den vornehmsten Errungenschaften des Freizeitlebens


1970 eröffnete in Hamburg der erste OBI-Markt mit zwölf Angestellten. Heute arbeiten in den 420 in- und ausländischen Filialen der größten deutschen Baumarktkette 22 000 Mitarbeiter, die dreihundert "Gartenparadiese" des OBI-Imperiums nicht eingerechnet. In Berlin gibt es neun OBI-Märkte. Einer davon befindet sich im Bezirk Steglitz unweit der McNair-Kaserne. Die Nachbarschaft verpflichtet: Auch im OBI-Markt wird exerziert, das beweisen die Lehrfilme, die pausenlos in den verschiedenen Abteilungen gezeigt werden. Freundliche Männer und optimistisch dreinschauende Heimwerkerinnen in Overalls und karierten Hemden demonstrieren, dass das Selbermachenkönnen zu den vornehmsten Errungenschaften des Freizeitlebens zählt. Da lernen Anfänger, wie man das Verputzen kreativ gestalten kann, wie mit dem Bürstenpinsel, dem Träufel und dem Kunststoffspachtel Zackenmuster, Reliefs und Prägungen erreicht werden.

Ob beim Heizkabelverlegen oder der Arbeit mit Paneelfugenkrallen, beim Dübeln, Hämmern, Bohren oder Kitten - in den OBI-Lehrfilmen gibt es kein Zögern, werden stets die besten Resultate erzielt. Und wie nebenbei wächst die Gewissheit, dass mit dem Selbermachen auch der Ärger mit Handwerksbetrieben, Pfusch, dem Stundenschinden und überhöhten Rechnungen ein Ende hat. Im OBI-Markt ist das Bild des Handwerkers von allem Dunklen gereinigt. Und nicht nur das: Verändern, verbessern, erneuern - jeder der abertausend Gegenstände, die auf den wuchtigen, bis zu zehn Meter hohen Stahlregalen lagern, spricht von Zukunftsfreudigkeit. Da sitzen Väter auf dem Boden und weisen ihre Söhne in die Finessen des generationenübergreifenden Innenausbaus ein. Menschen, die meinen, mit zwei linken Händen geboren zu sein, kommen in den OBI-Filmen nicht vor.

So gesehen ist ein OBI-Markt mehr als bloß ein gigantisches Werkzeug- und Materialdepot. Er ist Sozialisierungsraum für die Eleven des Heimwerkens, die in die weite Welt des Machbaren eingeführt werden. Er verspricht jene tiefe Befriedigung, die die selbstständige Lösung einer praktischen Aufgabe verschafft. Die Werkzeuge sind dabei Initiationsinstrumente und Anschauungsobjekte zugleich. Die Spaten etwa, die über mattstahlschimmernde Schaufelteile und rundgedrechselte Holzschäfte verfügen: Aufgerichtet sind sie perfekte Stelen. Die Beile mit ihren schwarz mattierten Schlagflächen, silber glänzenden Schneiden und den Schäften aus Hickory-Holz könnten Tomahawks aus einem anthropologischen Museum sein. Auch die Spachtel- und Kellenparaden eignen sich für eine Lektion in Gegenständlichkeit. Die Katzenzungenkellen und Berliner Steckerkellen wiederum würden ohne weiteres als Tortenheber durchgehen. Mit den Maurerloten ließe sich auspendeln, was der Architekt Carl Schuchard in seinem Buch über "Gutes und Böses in der Wohnung" beschrieb - entwickelter Wohnungsgeschmack.

Im OBI-Markt hängt der Heimwerkerhimmel voller Dosen, Klemmer, Kombizangen, Schraubzwingen, Waagen. Eine Ansammlung von Augenschmeichlern ist auch die Kollektion der Staubsaugerbeutel, die, mit Staub und Schmutz im Bauch, zu Kleinskulpturen werden. Rundgeblähte Kraft beim "Eio", Zartheit beim "Moulinex", durch die Zufuhr feinster Staubpartikel und Haare garantiert. Ihnen gegenüber die Werkzeuge für Putzkolonnen: baumstammdicke Eimertürme; gelbe, blaue, rote Schaufeln; Südharzer Bauernbesen mit Reisigköpfen, Gitterrostschrubber und breite Saalbesen. Dass ein jeder vor seiner eigenen Türe kehren sollte, wird vor der angrenzenden Türengalerie zur steten Mahnung. Die Tür ist das Anfangsinitial des Hauses und der Wohnung, das größter Sorgfalt bedarf. Schleiflackweiße und messingbeschlagene Außentüren mit schwertgriffartigen Klinken als Armierungen signalisieren Schutz des Eigentums, Türelemente aus Eiche Natur kündigen an, dass dahinter teppichverstärkte Couchlandschaften warten, aus denen es kein Entrinnen gibt.

Im Innenbereich dominieren die Türen aus Fichtenholz. In ihrer auffälligen Unauffälligkeit sind sie die Idealbesetzung für Amtsstubeneingänge, Behandlungsräume und Prüfungszimmer. Dort findet man auch jene Schutztüren, die vor Diskos und Clubs die sehnsüchtigen Blicke der Einlass Begehrenden auf sich ziehen - durch ihre feuerfesten Bullaugen ließe sich im Zweifelsfall auch ein zünftiger Hausbrand gefahrlos begutachten. Die Preise, die den Türen in großen blauen Zahlen aufgeklebt sind, wirken wie selbstverständliche Funktionselemente, die nach dem Kauf nicht entfernt werden sollten - genauso wenig wie die Aufforderung an dem türgrifflosen Modell Nummer 67, die Kaufinteressenten empfiehlt, ihre Türe doch selber zu gestalten.

Bei den Türklingeln dagegen sind den individuellen Gestaltungsmöglichkeiten enge Grenzen gesetzt. Zur Auswahl stehen das vertraute Schrillen und das bim, bam des Doppelklanggongs, doch gibt es auch den Melodiengong, der die ersten Takte von "It's a long way to Tipperary" intoniert. Ein Arrangement, das die Selbstbeherrschung auf eine harte Probe stellt: Kaum ein Kunde geht vorbei, ohne probeweise die Klingeln zu drücken. Zu den Abgrenzungsstrategien des Innen und Außen zählen auch die Gardinen. Im OBI-Markt erscheinen sie als vitale Hinterlassenschaften des 19. Jahrhunderts, die ihre zarten gerafften und gerüschten Faltenwürfe vor den Blick aufs Gegenwärtige legen. Die weiter im Inneren gelegenen Wohnbezirke bilden die Spiegel ab. Sie liefern zuverlässig den Anwesenheitsbeweis für Raum und Bewohner. Ein hallenhoher Saal ist ihnen gewidmet: mit Badezimmerspiegeln, Spiegelschränken, Garderobenspiegeln und Spiegeln, bei denen der Freundlichkeitspflicht der Einrichtungsgegenstände mit allem möglichen Zierrat nachgeholfen wurde. Zum Beispiel das Modell, in dessen Ränder ägyptische Hieroglyphen eingeätzt sind. Da kommt man sich bald selbst ein wenig rätselhaft vor.

Von der Spiegelabteilung wird der OBI-Wanderer fast automatisch in die Tiefen der Sanitärabteilungen geleitet. Etwa fünfzig Duschkabinen, assistiert von Waschtischen und Klobecken, inszenieren die große Sauberkeitsrevue. Gleich, so erwartet man insgeheim, werden sich die Türen öffnen und heraus treten jene frischen OBI-Werbetexter, die im Firmenprospekt den Kunden der "Bäderwelten" einen Grad der Unbeflecktheit versprechen, wie sie "ein tibetanischer Mönch erst nach Jahren der Enthaltsamkeit und des Gebets" erreicht.

Das Herz des OBI-Markts ist jedoch die Küchenabteilung. Die Ausstellung wirkt wie eine Hommage an die Amerikanerin Catherine Beecher. Die Schwester der Autorin von "Onkel Toms Hütte" verfasste Mitte des 19. Jahrhunderts zahlreiche Abhandlungen über Hausbau und Inneneinrichtung. Beecher unterbreitete "nicht nur Vorschläge für die Anordnung der wichtigsten Einrichtungsteile wie Spüle und Herd". Wie Witold Rybczynski in seinem Buch "Verlust der Behaglichkeit" schreibt, regte sie darüber hinaus eine ganze Reihe praktischer Neuerungen an: Schubläden für Geschirrtücher und Scheuerpulver unterhalb der Spüle, den Gebrauch von Einbauschränken, eine durchgehende Arbeitsplatte mit Stauraum darunter und Anstellregalen darüber, die Abtrennung des Kochherdes vom übrigen Küchenbereich durch eine gläserne Schiebetür und vieles mehr.

Die naturholzfarben lichtblau, reinweiß und hellgrün getönten Einbau- und Hängeschränke der Sanitärabteilung sind Möbel gewordene Versprechen der Hausarbeitsökonomie. Mit ihnen hat man alles im Griff. Ein paar Meter entfernt kann es passieren, dass sich das Interesse der Kunden in Andacht verwandelt. In eine riesige graue Wandfläche sind Küchenspülen wie kostbare Intarsien eingelassen. Die Edelstahl- und Granitspülen in Blau, Grau und Beige mit ihren augenartigen Abflussöffnungen, den geschwungenen Stelltischen und Abtropfrinnen muten an wie Masken eines fremden Reinheitskultes. Streng und klar gegliedert wie kein anderer Raum, konzentrieren sie den Blick auf sich und geben ihm Ruhe. Hier befindet sich das Meditationszentrum des OBI-Markts. Nach einem Moment des Innehaltens geht man gelöst und heiter weiter, immer weiter. Tischdeckenbeschwerer, Kohlenschaufeln, Gardinenringe, Bodendübel - wie schön und brauchbar das alles ist.

ANDREAS SELTZER

Kastentext:

Das 20. Jahrhundert ist Geschichte - und somit ein Fall fürs Museum. Das Museum des 20. Jahrhunderts aber ist überall: Es verbirgt sich hinter Schaufenstern und Ladentüren, in den Amtsstuben von Behörden oder in der Abgeschiedenheit privater Wohnungen. Meistens befindet es sich gerade dort, wo man alles vermuten würde, nur kein Museum. In der nächsten Zeit wollen wir an dieser Stelle Orte vorstellen, die unserer Idee von einem Museum des 20. Jahrhunderts doch nahe kommen.

erschienen am 05.04.2000, Nr. 81, S.BS3 in den Berliner Seiten der FAZ