Zuneigung von allen Seiten
Museum des 20. Jahrhunderts (VIII): Die Bilderwand des Ehepaars R.
und das prekäre Verhältnis von Fotografie und Erinnerung


Frau und Herr R. sind Schriftsteller. Sie haben, wie viele andere Menschen auch, in ihrer Wohnung eine Wand, die übersät ist mit Fotografien - eine Bildwand der Erinnerung.

Sie ist ein Schaubild der Zuneigung, ein Organigramm, das kein Zentrum hat und sich von allen Seiten lesen lässt. Alles ist für den täglichen Anblick ausgewählt, und alles ist gleich wichtig. Die verschiedenen Arten der Rahmung jedoch geben der Sammlung Rhythmus und jedem Schaustück ein eigenes Gesicht. Hin und wieder ermöglichen die Rahmen auch historische Zuordnungen, die das Alter der Fotos unterstreichen. Die ältesten Bilder werden von runden und ovalen Rahmen geschützt, die noch an den Medaillonfassungen des 19. Jahrhunderts orientiert sind; Fotos aus den sechziger und siebziger Jahren stecken in Wechsel- und Aluminiumrahmen; die aus den achtziger und neunziger Jahren sind von naturholzfarbenen, von gold- und silberbronzierten Rahmen eingefasst. Es sind fast ausnahmslos Porträts von Freunden, Familienmitgliedern und von Autoren, deren Werk Einfluss auf die Arbeit der beiden Schriftsteller hatte.

Kafkas ungehorsamer Hund Es ist eine große Gemeinde, und in dieser Umgebung nehmen sich auch die Fotos der Berühmtheiten seltsam familiär aus. Manche zeigen bei bekannten Motiven Details, die man zuvor nicht bemerkte. In einer der Aufnahmen posiert Franz Kafka als schwarz gekleideter Melancholiker - das allein ist noch keine Überraschung. An Kafkas Seite aber erkennt man einen Hund, ein zottiges Tier, das, anders als Kafka, der Aufforderung des Fotografen, stillzustehen, nicht Folge leistete. Deshalb erscheint er auf dem Bild als unscharfe, strubbelige Figur, die an jene Wesen erinnert, die einst auf Jahrmärkten als Kreaturen, halb Tier, halb Mensch, vorgeführt wurden. Mit dem Hund, der wackelte, wo er hätte Gehorsam zeigen sollen, gerät Kafka unversehens in die Nähe einer Wildheit, in der die Natur Kapriolen schlägt, dreibeinige oder einäugige Monstrositäten hervorbringt und nicht zuletzt imstande ist, Menschen in Käfer zu verwandeln. Neben dem Bild von Kafka und dem Hund hängt ein Foto, das ein kleines Mädchen im Rüschenkleid zeigt. Es hält einen Stoffhund an der Leine, schaut verträumt in die Weite des Fotoateliers, wo die Landschaft im Hintergrund, in Elfenbeintöne getaucht und auf Kabinettformat gebracht, zu einem Teil des Interieurs geworden ist, das den Kindern jede Menge Kuschelecken bereithält. Wie das Bild, auf dem der Schriftsteller als Knabe mit zwei jungen Katzen spielt, gehört es zur Galerie der geliebten Tiere.

Hund und Katze sind dort, wie im gegenwärtigen Leben der R.s, harmonisch nebeneinander existierende Familienmitglieder. Dabei erscheinen die Tiere, die auf der Bildwand des Ehepaars zu sehen sind, nicht als Wesen, die für Sentimentalitäten gefügig gemacht wurden: Der Pirol etwa, den seine Mutter vor vielen Jahren als Streichholzschachtelmotiv entdeckte und mit akribischem Geschick für ihren Sohn abzeichnete, oder der Spaniel, den ein professioneller Fotograf vor bonbonfarbenem Hintergrund aufnahm, haben ihre Fremdartigkeit nicht eingebüßt. Sie besitzen vielmehr jene Grazie, von der Aldous Huxley meinte, dass sie Gott und dem Tiere zu Eigen sei, der Mensch sie aber verloren habe. Der Versuch, diese Grazie wiederzufinden, sei, so Huxley, eine der Hauptantriebskräfte der Kunst.

Die Gesten des Unbeschwerten werden auf der Bilderwand noch an anderen Stellen sichtbar: im Lächeln der Freunde, aber auch in dem Schnappschuss, der den Soziologen Norbert Elias beim angeregten Gespräch am Arbeitstisch wiedergibt; auf dem Foto, für das eine nahe Verwandte von Herrn R. in jungen Jahren als Ausdruckstänzerin posierte; oder in der Reihe von Bewegungsstudien eines tanzenden Mädchens, das später R.s Mutter sein wird.

Sie machen den Charme der privaten Fotografie deutlich, die heitere Momente als Hauptmotiv nimmt. Denn die private Fotografie lässt die Verstellungen und konventionellen Arrangements vergessen und erweist sich als zuverlässige Lieferantin von Sinnbildern des gelingenden Lebens, die, wie die Familienfotos in den Brieftaschen und Geldbörsen, auch als Glücksbringer fungieren. In diesem Fall haben die Bilder die Bedeutung einer Leitwährung, die die Alltagsökonomie bestimmt. Aber nicht nur das: Diese Fotos ergreifen Besitz vom Gedächtnis, so dass nicht mehr klar zu trennen ist, ob die abgebildete Situation erinnert wird oder nicht doch eher das Bild, das sie festhielt.

Dieser Effekt ist freilich seit langem bekannt. W. G. Sebald schreibt in seinem Buch "Schwindel. Gefühle" über Henri Beyles schwere Enttäuschung, die jener beim Anblick einer Radierung mit dem Titel "Prospetto d'Ivrea" empfunden habe. Beyle, der sich Stendal nannte, habe sich eingestehen müssen, dass sein inneres Bild von der im Abendschein daliegenden Stadt nichts anderes war als eine "Kopie" ebendieser Grafik. Man sollte darum, so zitiert Sebald den Ratschlag Beyles an seine Leser, auf Reisen keine Gravuren von schönen Aus- und Ansichten kaufen. Denn eine Gravure besetze schon bald den ganzen Platz der Erinnerung, man könne sogar sagen, sie zerstöre diese.

Das Gefühl der Fremdheit Ist das Ich, das einen im einst geknipsten Bild anschaut, noch mit dem Ich verwandt, das es nun anschaut? Das Unbehagen, das dieses Gefühl der Fremdheit schafft, überträgt sich auch auf die Freundes- und Familienbilder. Sie beschwören nicht nur die Zeiten, die vermeintlich leichter waren als die heutigen. Sie führen dem Betrachter auch die eigenen Verwandlungen vor Augen. Und vielleicht bringt es das Älterwerden mit sich, dann die Werte, die einst galten, in schärferem Licht zu sehen und das Schöne von damals nun als fade zu empfinden. Genauso ist aber möglich, erst jetzt, mit dem Abstand mancher Jahre, zu begreifen, wie kostbar jene Momente waren, die die Bilder festhielten, und dass es beinahe einer Entweihung gleichkäme, sie immer wieder anzuschauen.

Diese Denkmalhaftigkeit tritt auch an der Bildwand der beiden Schriftsteller zutage. Jedes Freundes- und Familienbild ist ein kleines Monument des Glücks. Dieses Glück kann auch Stolz sein: auf die erste Aufnahme, die sie mit ihrer neuen Kamera machte und die sie in einen amulettgroßen, dunkelroten Emaillerahmen zwängte; oder Entdeckerfreude, die jenes Foto wiedergibt, das er vom Wohnungsfenster aus mit dem Teleobjektiv knipste. Es zeigt zwei ältere Passantinnen, die, vom Blattwerk der Straßenbäume halb verdeckt, ins Gespräch vertieft sind. Man hat den Eindruck eines konspirativen Treffens, bei dem die tiefen Geheimnisse der Nachbarschaft besprochen werden.

Das Bild der beiden Frauen gehört zu den vielen hundert alltäglichen Motiven, mit denen er vor nicht allzu langer Zeit das Genre des Fotoessays neu belebte. Dass im System der Glücksbilder von Frau und Herrn R. auch zwei Porträtfotos von Sigmund Freud erscheinen, ist demnach als Zeichen der Dankbarkeit zu verstehen. Denn er ist der Ahn, der das Glück des Findens verkörpert.

ANDREAS SELTZER

Kastentext:

Das 20. Jahrhundert ist Geschichte - und somit ein Fall fürs Museum. Das Museum des 20. Jahrhunderts aber ist überall: Es verbirgt sich hinter Schaufenstern und Ladentüren, in den Amtsstuben von Behörden oder in der Abgeschiedenheit privater Wohnungen. Meistens befindet es sich gerade dort, wo man alles vermuten würde, nur kein Museum. In der nächsten Zeit wollen wir an dieser Stelle Orte vorstellen, die unserer Idee von einem Museum des 20. Jahrhunderts doch nahe kommen.

erschienen am 18.03.2000, Nr. 66, S.BS3 in den Berliner Seiten der FAZ