Ich bin ein Phänomen, Madame
Museum des 20. Jahrhunderts: Henry de Winter ist ein Elegant mit der Tragik des letzten Mohikaners


In Hongkong ist der Sänger Henry de Winter seiner Sehnsucht so nah gekommen wie nie zuvor. Vor fünf Jahren, als er mit seinem Orchester die Mitglieder des "Cancer Fund" begeisterte, gab es noch jene Clubs und Casinos, in denen Generationen britischer Offiziere und Kolonialbeamter ihren Tropenkoller mit Gin-Tonic bekämpften. Wo große Deckenventilatoren das Atmen erträglich machten, haben seine Versionen von "If You Knew Susie" und "Puttin On The Ritz" die Gäste in Schwung gebracht. Dort feierte man ihn, der einst die große Hoffnung des Lankwitzer Kirchenkinderchors war, als Inbegriff des weltgewandten Europäers. Mit seinem akzentfreien Englisch und seiner tadellosen Erscheinung hätte man dem alerten Mann, der "Night And Day" mit unvergleichlichem Timbre ins Mikrofon schmachten kann, auch die Repräsentanz der East India Rubber Company zugetraut. Selten sah man jemanden, der trotz des streng gescheitelten, schon leicht graumelierten Kopfhaars, trotz des sorgfältig gestutzten und gebürsteten Schnurrbarts und trotz der Maßanzüge die Lässigkeit eines Menschen ausstrahlt, dem alles in den Schoß zu fallen scheint.

Daß diese Mühelosigkeit ein Ergebnis harter Arbeit ist, läßt sein Aussehen nicht vermuten. Er hat seinen Typ zur Perfektion gebracht und damit jene Grundregel der Selbsterkenntnis beherzigt, die schon Edith Sitwell in ihrer Studie über englische Exzentriker formulierte: Warum sollte man versuchen, wie ein Pekinese auszusehen, wenn man ein Windhund ist? Für Henry de Winter, den Windhund, würde die Anpassung an den täglichen Kleinkram, an die grassierende Nachlässigkeit im Kleiderreglement einer Selbstverstümmelung gleichkommen. Seine Erscheinung ist dem vergangenen Ideal des Gentlemans verpflichtet und bis in die kleinsten Details der Ziertücher, Manschettenknöpfe und Schnürsenkel austariert. Wenn Henry de Winter einen Auftritt hat, wenn also äußere Erscheinung und Melodie zusammenkommen, wirkt es, als hätten die Evergreens aus den goldenen Zeiten des Varietés und Musikkabaretts ein spätes Medium geformt. "Bel Ami", das ist dieser Mann, dessen breite Anzugsrevers mit weißen Nelken geschmückt sind, den Symbolen der Reinheit, deren Frische fürs Verführen notwendig ist. Und wenn seine Stimme zum Tête-à-tête unter die "Pinien von Argentinien" einlädt, zum "Walzer für dich und für mich" lockt und seine Hände dabei übers Jacket streicheln, dann wird deutlich, daß Kleider auch Mittel des Vorspiels sein können.

Wenn er auf dem Kurfürstendamm mit seinem Scotchterrier "Pius" spazierengeht, fängt er die Blicke der Passanten auf wie jemand, der Aufmerksamkeit gewohnt ist. Da schreitet er, in kerzengerader Haltung, den Kopf leicht geneigt, im gemächlichen Takt seines Spazierstockes dahin. Bisweilen, beim Anblick von Bekannten, lüftet er den Hut und grüßt mit einer knappen Verbeugung. Manche Passanten bleiben stehen und schauen verwundert diesem fremdartigen Wesen hinterher, das so aussieht, als sei es aus Bildern verblichener Männermodemagazine zusammengesetzt. Inmitten eines Terrains, das von Barbaren in Knautschzonenbekleidung bevölkert wird, demonstriert hier jemand mit Maßanzügen und handgefertigtem Schuhwerk für Materialgerechtigkeit, Paßgenauigkeit und ausgewogene Proportionen.

Gegen Henry de Winters öffentliche Gänge wirken andere stadtbekannte Kunstfiguren, etwa Eva und Adele, jenes glatzköpfige Paar, das eine aufgeputzte Androgynität zur Schau stellt und als Kunstbetriebsnudeln das Publikum erheitert, wie biederer Flitterkram. Mit solchen Maskeraden aus dem Geist der Kumpanei kann Henry de Winter nicht dienen. Er ist der Elegant, den die Tragik des letzten Mohikaners umgibt, ein perfektionsverliebter Artist, bei dem es nur geringe Unterschiede macht, ob er seine Kleidung vorführt, ein Lied singt oder vor den Zuhörern plaudert. Auf manche wirkt seine demonstrative Liebe fürs Genaue und Makellose provozierend. Gelegentlich wird er auf den Straßen verhöhnt, sogar körperlich attackiert. Doch bisher konnte er sich der Angreifer mit kräftigen Hieben seines Schirms oder Spazierstocks stets erfolgreich erwehren.

"Winter" - das ist für einen, der das Zugeknöpfte und Verhüllen zu seinem Erscheinungsprogramm gemacht hat, ein treffender Name. "Henry" wiederum legt über die Kälte der vierten Jahreszeit eine schmelzende Tingeltangelmelodie und den Geruch von Orientzigaretten, die aus Bernsteinspitzen geraucht werden. Und bei jemandem, der aussieht, als müßte er korrekt mit "Eure Hoheit" angeredet werden, ist das "de" zwischen Vor- und Nachname fast schon obligatorisch. Obwohl Henry de Winter als Doppelgänger des berüchtigten Prinzen Negulesco III. auftreten könnte, jenes Abkömmlings eines rumänischen Adelsgeschlechts, der das große Vermögen der Familie beim Glücksspiel in Baden-Baden und bei Orgien mit Tänzerinnen der Folies Bergères durchbrachte, hat er den Versuchungen der Hochstapelei widerstanden. Auch als Heiratsschwindler, der seiner Favoritin ein Leben voll "Musik, Musik, Musik" verspricht, ist er nicht aktenkundig geworden.

Ohnehin müßte eine mögliche Partnerin jede Menge Nachsicht üben mit einem Pfau, dem das Radschlagen, neben dem Singen, zur wichtigsten Beschäftigung wurde. Dennoch scheint die intensive Selbstbeschäftigung im Falle Henry de Winters keinen nennenswerten Schaden angerichtet zu haben. Im Gegenteil mag sie ihn dazu gebracht haben, in allen Situationen Haltung zu bewahren. Wie hilfreich diese Tugend im alltäglichen Lebenskampf ist, hat sich in den sauren Zeiten erwiesen, in denen er den Lebensunterhalt mit kleinen Jobs verdienen mußte. Etwa als Statist in Filmen über die "Roaring Twenties", wo er als Sänger und Tänzer eine gute Figur machte. Auch arbeitete er längere Zeit als Türsteher in einem Geschäft für Foto- und Filmzubehör, für Radio- und Fernsehapparate, wo seine hohe, wie für ewige Empfänge im Yachtclub gekleidete Gestalt als lebendes Bild einer Wertbeständigkeit agierte, die sich auch auf die Einschätzung der angebotenen Produkte übertragen sollte. Darüber hinaus hat seine öfter live vorgetragene Version von "Die schöne Adrienne hat eine Hochantenne" der Phonoabteilung hübsche Umsatzsteigerungen gebracht.

Mittlerweile ist diese Art der Verkaufsförderung nicht mehr notwendig. Henry de Winter und seine Foxtrott- und Swingspezialisten aus Bratislava, die "Hot Serenaders", werden als Beispiele lebendiger Vergangenheit für Berlins Metropolenwerbung exportiert, auch bei Preisverleihungen, Großeröffnungen und Bällen sind sie begehrt. Da sorgen sie für jene Ausgelassenheit, die sich an Titeln wie "So ein Regenwurm hat's gut" oder "Wie kommt der Lippenstift in Lehmanns Unterbett" erfreut.

Beim Vortrag dieser kleinen Ereignisse mit den großen Wirkungen ist Henry de Winter ein ungerührter Conferencier, der aus gehöriger Distanz das Komische aus den Alltagskatastrophen holt und dabei seinem Publikum das Gefühl gibt, noch mal mit dem Schrecken davongekommen zu sein. Als Widergänger einer großstädtischen Schnoddrigkeit, die sich durch nichts erschüttern lassen will, ist er seinen Konkurrenten aus dem Nostalgiegewerbe überlegen. Der Dandyismus, den er bis ins Karikaturhafte zelebriert, schützt ihn vor allzu großer Vereinnahmung. Ein netter Entertainer ist er nicht. Seiner Selbstverliebtheit traut man noch die Kraft des Wechselns zu. Und so kann man sich vorstellen, daß mal wahr wird, was er stets zum Abschluß seiner Konzerte singt: "Ach wie herrlich ist doch die / Fidschei. / Dort lebt man steuerfrei und / ohne Polizei! / Auch vom Smoking kennt man keine / Spur, man liebt nur eines nur / das ist die Nacktkultur. / Ich laß mir meinen Körper schwarz / bepinseln, schwarz bepinseln, und / fahre nach den Fidschi-Inseln . . ."

ANDREAS SELTZER

Kastentext:

Das 20. Jahrhundert ist Geschichte - und somit ein Fall fürs Museum. Das Museum des 20. Jahrhunderts aber ist überall: Es verbirgt sich hinter Schaufenstern und Ladentüren, in den Amtsstuben von Behörden oder in der Abgeschiedenheit privater Wohnungen. Meistens befindet es sich gerade dort, wo man alles vermuten würde, nur kein Museum. In der nächsten Zeit wollen wir an dieser Stelle Orte vorstellen, die unserer Idee von einem Museum des 20. Jahrhunderts doch nahe kommen.

erschienen am 14.10.2000, Nr. 239, S.BS3 in den Berliner Seiten der FAZ