Herr, mach meine Kartoffelernte reiche
Museum des 20. Jahrhunderts (XIII): Im Devotionalienhandel "Ave Maria" gibt es alles, was der moderne Pilger braucht


Die Kruzifixe und Bildnisse des heiligen Christophorus, die vor den Unbilden des Autofahrens schützen sollen, sind selten geworden an deutschen Armaturenbrettern. Das muss sich ändern, dachten vor vier Jahren Ulrike Schuster und Dieter Funk, Inhaber des "Ave Maria" in der Potsdamer Straße. Der Laden, in dem Devotionalien und Secondhand-Kleidung verkauft werden, ist ein klassisches Umsteigerprojekt. Sie war Referendarin für Deutsch und Geschichte, er arbeitete als Dokumentarfilmer. Das "Ave Maria" ist die gemeinsame Sache, mit der sie zu den bildreichen Wurzeln des Katholizismus zurückkehren, eines Glaubens, in dessen Kosmos die Gegenstände leicht den Status des Anbetungswürdigen erreichen.

Der ideale Kunde des "Ave Maria" ist der Pilger, der für seine Wege fester Schuhe und wärmender Kleider bedarf. Das große Ölbild über der Ladentür nimmt das Ziel der Pilgerreise schon vorweg. Es zeigt ein bunt blühendes Wiesenstück, in dessen Mitte, an einem Bachufer, ein Schäfer mit Herde und Hütehund den Wanderer zur Rast einlädt. Der Himmel des Idylls verströmt mit seinem Karamellton eine Süße, die als Farbstimmung den Besucher auf seiner Exkursion durchs Devotionalienland ständig begleiten wird. Tritt der Besucher näher und betrachtet die Wand- und Deckenbemalung, dann glaubt er, er befinde sich in einer Klosterruine, durch deren Fensterhöhlen klares Frühlingslicht fällt. Das Grün der Birken ist zart, der Himmel zeigt sich in hellgewaschenem Blau und die Schäfchenwolken verstecken kleine Sonnen, die ihre Strahlenbündel ins Innere senden. Das Nachgezuckerte ist hier allgemeines Stilprinzip und verschont auch nicht Kostbarkeiten aus den Schatzkammern der Kunstgeschichte.

Wie Blutorangenkonfitüre lastet da der Abendhimmel über dem betenden Paar auf dem Bild "Angelus Läuten" von Jean-François Millet. Herr, scheinen sie zu bitten, mach unsere Kartoffelernte reicher. Auch das mit Engeln gespickte Wolkengold, von dem Gottvater auf einem der Bilder des Isenheimer Altars von Matthias Grünewald umgeben ist, wird hier zum Zitronenpudding, auf dem er als Sahnehaube thront. Kein Wunder, dass diese Bildersüße ihr Äquivalent in kulinarischen Erzeugnissen findet. Mit Marmeladen und Bonbons aus Klöstern etwa, mit den Benedictines und Chartreuses oder den Kräuterlikören aus dem Kloster Ettal, die die Zunge schwer und das Beten umso leichter machen. Und zur abschließenden Hygiene gehört unbedingt Pater Gebhards Mundwasser aus der Klosterapotheke der Barmherzigen Brüder, Trier, die den Lobpreisungen aus Pilgermunde besondere Reinheit verspricht.

Das erste Ziel im "Ave Maria" sind die Regale, auf denen die heilige Jungfrau in Gips natur oder farbig bemalt erscheint, in Marmorimitat, holzgeschnitzt und blank poliert, die Augen gen Himmel gedreht, mit dem Christuskind im Arm den Betrachter segnend oder auffordernd aufs Weihwassergefäß zu ihren Füßen deutend. Da ist die heilige Rita, die am Rande ihres Schweißtuchs zwei Blutstropfen als Schönheitsmale des Opferwillens trägt. Sie ist die Ahnin jener Therese von Konnersreuth, die Mitte des vorigen Jahrhunderts regelmäßig um die Osterzeit an den Händen und Füßen und aus den Augen zu bluten schien und dadurch wahre Scharen von Wundergläubigen anzog. Da ist ferner die Madonna von Gouadeloupe, deren Abbild sich dem Gewand des Indios Juan Diego im Dezember 1531 mit "nicht dieser Welt entstammenden Farben" eingeprägt haben soll. Und da ist auch die Immaculata, jene Marienerscheinung, die der jungen Catharine Laborée 1836 in der Pariser Rue du Bac in einem gnadenreichen Akt der Selbstreferentialität auftrug, von diesem Ereignis flugs kleine ovale Medaillons prägen zu lassen, um den müde gewordenen Amuletthandel anzukurbeln und selbst als Unternehmensgründerin zu Wohlstand zu kommen.

Wer weiß, ob in die Galerie der Marienmaterialisierungen nicht auch bald die saarländische Madonna Einzug halten wird - jene Erscheinung, die drei junge Frauen in Marpingen im September 1999 gesehen haben wollen. Eine schwarzhaarige und blauäugige Schönheit sei das gewesen, mit einem süßen Jesuskind im Arm und zeitweilig begleitet von den Engeln Michael, Raphael und Gabriel sowie einer weißen Taube, welche über allen schwebte. Die Botschaft der Marpinger Madonna, die die drei Frauen via Kassettenrekorder vermittelten, war ein Appell an die Pilger von nah und fern, die Gnadenflut anzunehmen, stets treu zum Papst zu stehen und mehr Rosenkränze zu beten, denn es sei schmerzhaft zu verfolgen, wie der Teufel in Deutschland sein Spiel treibe.

Fürs Beten ist im "Ave Maria" gesorgt. Da hängen neben den Marienstatuen Dutzende von Rosenkränzen aus Glas, Metall und Holz, die auf die Finger warten, zwischen denen sie hindurchgleiten können. Viele von den jüngeren Kunden seien mit den elementaren Ritualen der katholischen Kirche nicht vertraut. Deshalb bäten sie immer öfter, berichten Ulrike Schuster und Dieter Funk, um Nachhilfeunterricht. Besonders Frauen hätten ein großes Bedürfnis nach der Obhut und den symbolischen Sicherheiten, die das Regelwerk und der Bilderkosmos ihres Glaubens biete. So geben die Umsteiger und Gebrauchtkleiderhändler Grundunterricht im Beten, Kniefall, Bekreuzigen und Weihwassergebrauch und sorgen mit ihren Talismanen für erste Hilfe in Glaubenskrisen. Und wenn es ans Leben geht, bei Unfällen etwa, dann halten sie kleine Pässe bereit, die Sanitätern und Ärzten Auskunft geben, dass der Verunglückte katholisch sei und den Beistand eines Priesters wünsche. Ist das Opfer dem Tod entkommen, kann das große Sortiment schlichter weißer oder prunkvoll farbig verzierter Kerzen den Dank in Licht gewordenes Gebet verwandeln. Oder es wird das Angebot an messinggeformten oder silbergetriebenen Votiven genutzt, um es als Opfergabe an die Gnadenwand einer Wallfahrtskapelle zu bringen.

Wenn sich beim Öffnen der Ladentür die an Schnüren hängenden Organabbildungen im Luftzug bewegen, dann klingt das wie das Läuten zum Gebet. Fromme Gefühle sollen auch die kleinen Heiligenbildchen wecken, die in einem Musterkatalog in der Nähe der Votive ausliegen. Sie versprechen als Lesezeichen, Brieftaschenschützer und Glücksbringer am Arbeitsplatz die Verdrängung trüber Stimmungen. Die Süßlichkeit ihrer Darstellungen ist bisweilen ins schwer Verdauliche gesteigert. Das Personal dieser Bilder tut so, als sei es in Momenten höchsten Gefühlsüberschwangs erstarrt: Da wirken die Strahlen, die das Herz Jesu aussendet, wie gigantische Scheinwerfer, die das Böse mit scharfer Barmherzigkeit erfassen. Und die Schutzengel, die Kinder über morsche Wildbachbrücken geleiten und Autounfälle, Flugzeugabstürze, Schiffshavarien verhindern, liefern mit ihren viel zu langen, plumpen Gewändern immer wieder Beweise letzter Erdenschwere.

Einige Kunden sind von der Aufdringlichkeit und Naivität dieser Bilder angezogen. Sie kaufen sie als Andenken an die Zeiten kindlichen Glaubens. Andere nutzten sie als Wohnraumgag: den Petersdom als Spieluhr etwa, die "Arrividerci Roma" klimpert und die enge Verwandtschaft von Devotionalien- und Souvenirproduktion offenbart, oder auch die aus Steinen und künstlichen Muscheln gebauten, mit farbigen Glühlämpchen illuminierten Madonnengrotten, die sich als Fernsehleuchten anbieten. Die meisten Kunden des "Ave Maria" aber sind jene Sinnsucher, die aus vielerlei Glaubenssystemen, vom Buddhismus über die Theosophie bis zum Katholizismus ihr Religionspatchwork zusammenstellen und sich für die häuslichen Andachtsecken und Meditationsaltäre mit vielerlei Heiligkeitsfetischen eindecken.

Mit den Vorbildern der selbstlosen Liebe etwa, wie sie die farbigen Gipsporträts der Mutter Theresa darstellen, oder mit den Statuetten des heiligen Rochus, jenes Mönches und späteren Schutzheiligen der Aids-Infizierten, der sich während einer der großen Pestepidemien der Erkrankten annahm und in dem Moment porträtiert ist, indem er, das Gewand lüftend und das linke Bein entblößend, auf das eigene Pestmal deutet. Zur Herbeiführung erhabener Gefühle bietet das "Ave Maria" verschiedene Sorten und Mischungen von Weihrauch, deren Aroma selbst das Bezahlen an der Kasse in eine kultische Handlung verwandelt. Sie heißen "Somalische Tränen" oder "Drachenblut" und als "Vatikan" und "Lourdes" beschwören sie die Zentren der Anbetung und des Wunderglaubens.

Benebelt von ihrem schweren Duft tappt der Besucher weiter in die Tiefe des Ladens, der mit seinen Glühlampengirlanden den miniaturisierten Madonnengrotten ähnlich ist. Auf Erkern und in kleinen Gelassen sind die Figuren der Heiligen Familie zum alltäglichen Krippenspiel versammelt. Die drei Könige schauen auf die Wände gegenüber, wo kein Stern von Bethlehem ihnen den Weg weist, aber Dürers betende Hände in Holz, Blech und Silber zum Beifallsgebet auffordern und eine Kollektion von Kruzifixen als Mittel zur Abwehr aller Übel angeboten werden. Im Zentrum dieser Sammlungen sind die Realien, mit deren Handel der Vertrieb des frommen Kunstgewerbes gesichert wird. Die Jacken, Hosen, Hemden und Röcke sind mit Weihrauch vollgesogen. Deren Einlieferer sollten, so wünschen es sich die Händler des "Ave Maria", künftig immer auch ein paar Erlebnisse aufschreiben, die sie hatten, als sie die Kleider trugen.

ANDREAS SELTZER

Kastentext:

Das 20. Jahrhundert ist Geschichte - und somit ein Fall fürs Museum. Das Museum des 20. Jahrhunderts aber ist überall: Es verbirgt sich hinter Schaufenstern und Ladentüren, in den Amtsstuben von Behörden oder in der Abgeschiedenheit privater Wohnungen. Meistens befindet es sich gerade dort, wo man alles vermuten würde, nur kein Museum. In der nächsten Zeit wollen wir an dieser Stelle Orte vorstellen, die unserer Idee von einem Museum des 20. Jahrhunderts doch nahe kommen.

erschienen am 07.06.2000, Nr.131, S.BS3 in den Berliner Seiten der FAZ