Wie kann man bloß einen Grabstein vergessen?
Museum des 20. Jahrhunderts (VI):Wenn Dinge auf Wanderschaft gehen - das Zentrale
Fundbüro im Flughafen Tempelhof


Das größte Fundbüro Berlins ist das Zentrale Fundbüro im Tempelhofer Flughafen. Dorthin werden all jene Dinge gebracht, die bereits in den Fundbüros der Post und der Verkehrsbetriebe, der Sportstadien und Konzertarenen, der Kaufhäuser, Kinos und Theater lagerten, aber nicht abgeholt wurden. Darüber hinaus wird im Zentralen Fundbüro aufgenommen, was auf den Straßen und Plätzen, in den Grünanlagen, Schulen, Ämtern und Behörden gefunden wurde und als Eigentum von Belang sein könnte. Etwa die verlassenen Fahrräder: In den Stadtszenarien werden sie rasch zu Sinnbildern des Verfalls, wenn Demontage durch Kleinteildiebe beginnt. Dann fallen sie in sich zusammen, werden zu lädierten Torsi, die kaum mehr an die einstige Beweglichkeit erinnern. Doch das noch intakte, nun "herrenlose Gut", wie die Amtssprache es nennt, wird von der Polizei im Zentralen Fundbüro abgeliefert. Dicht an dicht hängen die aufgegriffenen Fahrräder in den Lagerhallen an Eisenhaken wie Schlachtvieh: Rennräder, Trekkingräder, Familienräder, Kinderräder.

Etwa zweitausend von ihnen sind permanent auf Lager und warten auf die Eigentümer. In vielen Fällen jedoch, so berichten Mitarbeiter des Zentralen Fundbüros, kümmerten die sich nicht mehr um ihren Verlust - vielleicht, weil die Versicherungen inzwischen zu neuem, vielleicht auch schönerem Ersatz verhalfen. So warten sie nun, mit Fundzetteln versehen, verbeult und vom vielen Übermalen stumpf, oder hochgetrimmt, metallisch glänzend, als Sammelgut auf Schnäppchenjäger, die sich regelmäßig zu den monatlichen Fundsachenversteigerungen einfinden. Jedes einzelne dieser Fahrräder lässt eine eigene, meist herzlose Geschichte erahnen: Geschichten von Raubzügen in Mietskasernen, von flinken Händen, die vor Einkaufsmärkten Schlösser knackten, von Dieben, die sie in die Büsche warfen oder in Kanälen und Teichen versenkten. Aber es gibt auch noch andere stumme Zeugen von Diebstählen und Unaufmerksamkeiten im Zentralen Fundbüro: Hunderte Brieftaschen und Portemonnaies, Aktenmappen, Rucksäcke, Koffer und Einkaufstüten harren hier aus. Sie alle finden Unterkommen für ein halbes Jahr, werden von den Sachbearbeitern registriert und nicht selten wie infektiöse Patienten mit Schutzhandschuhen untersucht. Sind sie in dieser Zeit nicht zu vermitteln, dann bringt man sie zur Versteigerung. Oder sie werden vernichtet.

41000 Mark in der Plastiktüte.

In diesem halben Jahr bilden sich Nachbarschaften unterschiedlicher Milieus. Da verliert neben der Aldi-Tüte mit dem Dosenbiervorrat der luxuriöse Schminkkoffer bald seine Feinheit, erinnert der buntgescheckte Schülerranzen den Laptop an das erste Buchstabieren, gibt der Korb mit Hundefutter dem leicht verschwitzten Ballkleid Unterricht in Alltagswirklichkeit. Funktionslos geworden, erwarten sie den Augenblick, in dem sie ihre einstigen Aufgaben wieder erfüllen dürfen - oder zu Abfall werden. Der Besucher sieht sie freilich schon mit den Augen des Nachlass-Entsorgers und taxiert ihren Geldwert. Da ist häufig wenig zu holen. Mitunter aber täuscht der erste Eindruck auch, ist das wertlose Äußere nur Tarnung für den kostbaren Inhalt: Einmal wurde eine Plastiktüte abgegeben, die jemand auf einem Friedhof fand und einundvierzigtausend Mark enthielt. Geld, das niemand beanspruchte und der Finder nach einer Wartefrist behalten konnte. Auch Goldmünzen, wertvoller Schmuck, teure Armbanduhren wurden schon verloren, ohne dass die Besitzer sich je einmal gemeldet hätten. Es ist, als würde die Rätselhaftigkeit, die solche Funde umgibt, einen Teil ihrer dunklen Herkunft verlieren, wenn man sie als Indizien jener Schattenzonen betrachtet, in denen das Schwarzgeld zirkuliert, teure Gegenstände ein illegales Dasein führen und Ersparnisse lieber unter der Matratze versteckt als aufs Bankkonto überwiesen werden.

Im Zentralen Fundbüro kennt man Zyklen des Vergessens, die einem selbst vertraut sind, etwa wenn man auf Reisen geht. In den Momenten, in denen die kaum beherrschte Sprache, das fremde Geld, die Schwierigkeiten beim Orientieren solche Verwirrungen herbeiführen, dass man sich dem Schicksal geradezu anbietet als Opfer der eigenen Vergesslichkeit und für die gewohnte heimische Übersicht gerne ein paar seiner Reisesachen hergäbe. Diese Zyklen zeigen sich aber nicht nur in den Ferien, sondern auch nach Feiertagen. Im Fundbüro landen dann verspätete Weihnachts- und Ostergeschenke, die jemand möglicherweise beim Telefonieren oder bei der Anprobe in der Umkleidekabine eines Kaufhauses beiseite stellte. Ebenso stark werden jene Zyklen aber auch vom Aufkommen an Großveranstaltungen bestimmt, den Umzügen zum Christopher Street Day etwa, oder der Love Parade. Kartonweise werden die Hinterlassenschaften der Feiernden im Zentralen Fundbüro eingeliefert: Gürteltaschen, Rucksäcke, Schlafmatten, Reiseführer, Pullover, Hemden und eine Menge Geldbeutel. Je mehr Gegenstände man in den Fundräumen mustert, umso deutlicher wird der Eindruck, dass da nicht nur Dinge aufbewahrt werden, bei denen Hoffnung auf Rückführung besteht, sondern lästig Gewordenes, das irgendwo unbewusst oder mit voller Absicht abgelegt wurde.

Ungeschick und Sucherglück.

Besonders die lebenswichtigen Accessoires, die Zahnspangen und Gebisse, die Rollstühle, Kunstaugen und Krücken erzählen nicht immer nur von den Dramen des Verlierens. Sie wirken vielmehr wie Gegenstände aus den Grüften von Lourdes. Irgendwann, so könnte man vermuten, ist da im öffentlichen Raum ein Wunder geschehen, das den Protheseträgern wieder das natürliche Gehen, Sehen und Essen bescherte.

Allerdings tun sich angesichts mancher Kuriositäten Fragen auf, die wohl nie beantwortet werden. Wie kann man einen frisch gemeißelten Grabstein vergessen? Oder einen Kindersarg? Bei Dingen wie Schirmen und Handschuhen ist das keine Frage. Sie scheinen von vornherein dazu gemacht, irgendwo liegen gelassen zu werden. Wie auch die Mützen und Schals gehören sie zu den unsicheren Kantonisten, die mit Macht aus der Dingwelt ihrer Eigentümer streben. Schlüssel zählen ebenfalls dazu. Gerne entgleiten sie nach draußen, wo sie auf Autodächern liegen bleiben, in Gullys rutschen und im Restaurant sich vorzugsweise unter den Servietten verstecken. Am häufigsten aber werden Schlüssel in Innenräumen - besonders: zu Hause - gesucht. Ständig scheinen sie ihre Liegeplätze zu verlassen, um auf Wanderschaft zu gehen, vor allem dann, wenn ihre Eigentümer gerade in Eile sind. In diesen Momenten zeigt sich die Tücke des Objekts, die darin besteht, dass die verzweifelt Suchenden die Furcht beschleicht, ihr diffuses Hin und Her könnte ein Symptom frühzeitiger Senilität sein.

Werden die Schlüssel draußen verloren, dann führt ihr Weg sie womöglich zu den sogenannten Monatsringen, die mit aberhunderten anderer, im selben Zeitraum abhanden gekommenen Schlüsseln bestückt sind und nun im Zentralen Fundbüro an einem langen Eisengestell hängen. Die Monatsringe ähneln Zauberketten, deren magische Kraft das alltägliche Ungeschick abwehren soll und Sucherglück verspricht. Die meisten Besucher kommen ihretwegen. Sie bilden das Kalfaktorenherz des Fundbüros und sein Rhythmus ist das ständige Klirren und Klappern, das beim Durchsehen und Mustern der Schlüssel entsteht. Hier kämpfen sich die Ausgesperrten und vorübergehend heimatlos Gewordenen durch die Schlüsselwälder und versuchen, sich an die Merkmale der Verlorenen zu erinnern. Das legt den Schluss nahe, dass auch das Vergessen eine Form des Gedächtnisses ist. Und manchmal taucht das Gesuchte aus dem Dunkel des Kellers des Zentralen Fundbüros auf und feiert mit dem Sucher ein Wiedersehen.

ANDREAS SELTZER

Kastentext:

Das 20. Jahrhundert ist Geschichte - und somit ein Fall fürs Museum. Das Museum des 20. Jahrhunderts aber ist überall: Es verbirgt sich hinter Schaufenstern und Ladentüren, in den Amtsstuben von Behörden oder in der Abgeschiedenheit privater Wohnungen. Meistens befindet es sich gerade dort, wo man alles vermuten würde, nur kein Museum. In der nächsten Zeit wollen wir an dieser Stelle Orte vorstellen, die unserer Idee von einem Museum des 20. Jahrhunderts doch nahe kommen.

erschienen am 17.02.2000, Nr. 40, S.BS3 in den Berliner Seiten der FAZ