Entwickelte Bequemlichkeit
Museum des 20. Jahrhunderts (II): Dietels exklusive Herrenausstattung und Maßhemd-Schneiderei


Der kleine, enge, halbdunkle Laden ist der kontinentale Brückenkopf wahrer, das heißt: englischer Eleganz. Geleitet wird "Dietels exklusive Herren-Ausstattungen und Maßhemd-Schneiderei" - das Stammhaus wurde 1937 Unter den Linden eröffnet - seit einem Vierteljahrhundert von Walter Hollain. Wenn der Achtzigjährige nicht gerade mit Besuchern plaudert oder mit dem Bestellen neuer Ware beschäftigt ist, sitzt er hinter einer alten Schreibmaschine und tippt Briefe an seine Kunden: an Generalbevollmächtigte und Vorstandsvorsitzende, an Verleger, Bankdirektoren, Schauspieler und Dirigenten.

Es ist eine Art brüderliche Vereinigung im Geiste der demonstrativen Verschwendung, Walter Hollain ist ihr Pate und sein Geschäft ihre Heimstatt: Aus allen Teilen Westeuropas schicken sie ihm ihre schmutzig gewordenen Maßhemden (der Generalbevollmächtigte im Monat etwa dreißig), um sie in einer Spandauer Spezialwäscherei mit der Hand reinigen, stärken und bügeln zu lassen und sie dann, wieder erneuert, als zweite Haut anziehen zu können.

Der erste Blick auf die Bilder an den englisch-grünen Wänden, auf die Stapel von Schals und Plaids, Mützen, Mäntel und Anzüge, macht es deutlich: der Imaginationsort dieses Geschäfts ist das victorianische Landhaus. Und den Besucher würde es nicht wundern, träte im nächsten Moment eine Jagdgesellschaft ein, um sich, vom Fuchstreiben ermattet, nach dem Wechsel der Kleidung vor Hollains großem Krawattenschrank zu treffen und über den neuen Triumph von "Burning Windmill" beim jüngsten Rennen in Ascot zu debattieren.

Das Pferderennen, die Jagd, aber auch Cricket und Golf, das sind die Tätigkeitsfelder dieser Landhausbewohner. Und die Dinge dort sind Teile einer Konversation, deren Übereinkunft die selbstverständliche Wohlhabenheit ist. Müßiggang ist hier aller Freuden Anfang und seine erste Lektion zeigt, was entwickelte Bequemlichkeit ist: die achtfädige Kaschmirweste etwa, rot wie das Blut frisch geschossener Wachteln und so weich, dass der Besitzer in ihr zu versinken droht wie im Moor der Highlands. Und während der noch ganz benommen ist vor Wohlgefühl und sich überlegt, ob jetzt nicht die Zeit gekommen sei, daheim das Familienwappen in alle Kissen zu sticken, kommt Herr Hollain und legt ihm den einzigartigen "O'To-Ni-Rug" um den Schoß. Das ist ein Tartan aus nicht entfetteter Schafswolle, der Whisky, Tee, Quellwasser und alle anderen Flüssigkeiten abperlen lässt. Eine Textilie, deren Wärme Philipp Hanay, dem Schrecken aller Spione aus den Romanen John Buchans, half, einen kühlen Kopf zu behalten. So wie Hanay, der Sportsmann und Moorhuhnjäger, seinen Scharfsinn trainierte, indem er hinter den Fassaden der Konvention die Indizien von Täuschung und Betrug zu entdecken suchte, so werden die Besucher von Hollains Laden in Differentialdiagnosen englischer Art geschult.

Da ist es schon fast selbstverständlich, dass das Innere des Holzglobus, Symbol der weltumspannenden Geschäftsbeziehungen von Herrn Hollain, die Hausbar für den Whisky-Kenner verbirgt. Träumerisch wird er gedreht, wenn wieder einmal ein reicher Geschäftsmann anruft und 120 Maßhemden oder 200 Kaschmirsocken ordert, um sie, in einem Anfall von Vorratswahn, in den Kleiderschränken seiner Appartements und Häuser verteilen zu lassen.

Und wo die Doppelbödigkeit Gestaltungsprinzip ist, darf man von einem Bücherschrank nicht erwarten, dass er Bücher enthält. Hier sind es Schachteln mit feinster Unterwäsche. Da kann Herr Hollain zeigen, dass auch das Schranköffnen eine Kunst ist: Er tut das so behutsam, als wollte er den Schlaf der Dinge nicht stören. Und wenn er sich vergewissert hat, dass die Schachteln in Reih und Glied geblieben sind, trägt er zwei bis drei von ihnen feierlich zu einem großen Sakristei-Tisch und wickelt langsam und vorsichtig die Ware aus dem Seidenpapier.

Was dann zum Vorschein kommt, weiß, weich, feingerippt, gilt als beste Unterwäsche der Welt. Beim Probetragen der T-Shirts und Achselhemden kann das rasch bestätigt werden: kühl und sanft schmiegen sie sich an und geben der Haut, wie nach einer Massage, die Gewissheit, dass auch hier, im Zwischengebiet von Außen und Innen, das Wohltun Zinsen trägt. Doch was für das Oben richtig ist, braucht Unten keine Entsprechung zu haben. Dort staut sich die Wärme, denn die Slips, Boxershorts und halblangen Hosen mit ihren breiten Eingriffen schließen zu fest ab. Um die Knopfleisten und Ränder herum bauscht sich das edle Material: Die Unterhosen sehen aus wie Beutel zum Zweck irgendeiner urologischen Schutzmaßnahme.

Das ist die andere Seite der Bequemlichkeit: Gewöhnt sich der Sportsmann und Jäger zu sehr ans allseits Gepolsterte, Abgefederte, Weiche, Harmonisierte, dann werden bald die Glieder schlaff und das teure Textil dient der Bandage, wie die stets zu warme Kleidung, mit der die überängstliche Mutter ihr Kind verhätschelt. Deshalb erscheinen die Sachen auf den Regalen des Empire-Schranks, der dem Unterwäschedepot gegenüber steht, auch wie Teile eines Krankenlagers. Die Pyjamas und Nachthemden aus Flanell sind wie fürs nächste Fieberfrösteln gemacht und Kopfschmerz, Zahnweh und Gliederreißen verlangen nach einem Requisit längst vergangener Nächte: der Schlafmütze.

Zucht und Drill gehören zu den geheimen Leitmotiven in Hollains Kleiderkammer. Denn was da so spielerisch arrangiert ist, die Bullenpeitsche über dem Ankleidespiegel, das biegsame Offiziers-Stöckchen im Schirmständer, der schottische Hirtenstock, der einst der Abwehr von Wölfen diente, das hat seine ehemalige Bedeutung verloren und wird zum Symbol der Disziplinierung. Es erinnert an die bis heute lebendige britische Tradition des Schlagens in den Schulen und Familien.

Auch der Bowler aus fast stahlhelmharten Filzmaterial gehört dazu: eine Kopfbedeckung, die, wie Herr Hollain erzählt, lange vor den Bankern und Anwälten in Londons City gern von Sklaventreibern und Aufsehern getragen wurde.

Was da an den Bügeln hängt, ist keine Kleidung für Untergebene. Ihre Arbeitsfassade hat streng und knitterfrei zu sein. Keine Buntheit will da Leben in die Exerzitien des perfekt Angepassten bringen. Die Konventionen des Bewährten geben Raum, auf die Nuancen zu achten: Welche Ordnungswelten liegen etwa zwischen den Trägern von Krawatten der Royal Navy (schmale rote und weiße Diagonalstreifen auf blauem Grund) und des Dorset Regimenta (breite rote und grüne mit schmalen gelben Diagonalstreifen)? Müsste man, bekleidet mit einem "British Warm" genannten Offiziersmantel aus mattgrauem Kamelhaar, nicht ständig vor seinem Spiegelbild salutieren? Widerstände überwinden - davon scheinen selbst die Sportsakkos mit ihren Landvermesser-Karos und ihren Extra-Taschen für Messer und Kompass, für Patronen und Angelhaken zu künden.

Aber auch die Smokings, die Seidenstrümpfe und Lackschuhe sind Überlebensutensilien auf der Glätte des gesellschaftlichen Parketts. Herr Hollain ist dabei der Mittler, der für das Einverständnis zwischen Material und Körper sorgt. Weil er weiß, wie leicht die Schale Risse bekommt, geht er auch gern auf ausgefallene Wünsche der Kundschaft ein. Was wäre beispielsweise passiert, wenn die seidenen Rollpullover des berühmten Dirigenten (auch Probepullis genannt) nicht die unbedingt geforderten 69 Zentimeter des Mittelteils gehabt hätten? Zusammenbrüche womöglich, Vertragskündigungen und Millionenverluste. Oder wenn die Spezialkrawatten des Generaldirektors einer süddeutschen Maschinenfabrik einmal nicht die beachtliche Länge von 2,20 Meter erreichten? Dann wäre der Chef aller Chefs in tiefe Melancholie versunken, wie der Leitbulle einer Elefantenherde, der merkt, dass ihm der Rüssel gekürzt wurde.

Und ganz gewiss hätte der Verleger des größten deutschen Boulevard-Blatts in der Zeit der großen Kritik eine viel schlechtere Figur gemacht, wenn es ihm nicht gelungen wäre, mit Unterstützung von Herrn Hollain untadelig bis in die hochgeschlossenen Kragenspitzen zu wirken, englischer als englisch: als ein weißer Ritter, der auf dem Weg zu Gott Schmutz und Schund des Tagesgeschäfts hinter sich gelassen hat.

Kragenstäbchen, Hosenträger, Schuhspanner, Manschettenknöpfe, selbst die Nebenhelfer haben in diesem Geschäft Ehrenplätze. Auch sie werden zu Glücksbringern: in Hollains Höhle in der Schlüterstraße in Charlottenburg, die in Wahrheit ein Heiligtum konservativen Stilbewusstseins ist.

ANDREAS SELTZER

Kastentext:

Das 20. Jahrhundert ist Geschichte - und somit ein Fall fürs Museum. Das Museum des 20. Jahrhunderts aber ist überall: Es verbirgt sich hinter Schaufenstern und Ladentüren, in den Amtsstuben von Behörden oder in der Abgeschiedenheit privater Wohnungen. Meistens befindet es sich gerade dort, wo man alles vermuten würde, nur kein Museum. In der nächsten Zeit wollen wir an dieser Stelle Orte vorstellen, die unserer Idee von einem Museum des 20. Jahrhunderts doch nahe kommen.

erschienen am 12.01.2000, Nr. 9, S.BS3 in den Berliner Seiten der FAZ