Das Unauffällige ist eine Verkleidung
Museum des 20. Jahrhunderts (XII): Das Ding ist oft nicht das, was es zu sein scheint - ein Rundgang durch die Lehrmittelsammlung der Justizvollzugsanstalt Tegel


Wer das kleine Museum der Justizvollzugsanstalt Tegel besucht, setzt die ersten Schritte in die Welt der Strafverbüßung als ausweisloses, nummeriertes, elektronisch gemustertes Wesen - vor dem Eintritt muss der Personalausweis gegen eine Passierkarte getauscht werden.

Seit einiger Zeit beherbergt der Planet Tegel, wie die Strafanstalt von ihren Insassen genannt wird, eine Sammlung von illegalen Gegenständen, die man in den Zellen fand. Sie werden in erster Linie als Anschauungsobjekte und Lehrmittel fürs künftige Bewachungspersonal genutzt. Die hier aufbewahrten Dinge lehren, bisweilen auf drastische Art, dass Not erfinderisch macht. Und dass die Gefangenen oft ein wenig schlauer sind als ihre Bewacher, wie der Betreuer der Sammlung, der Vollzugsbeamte Roever, anmerkt. Die jungen Kollegen sollen hier lernen, im Dienst stets auf der Hut zu sein und ihr Grundmisstrauen zu trainieren, mit dem Ziel, sich von den Freundlichkeiten der Inhaftierten und dem harmlosen Aussehen der Gegenstände, die sie umgeben, nicht täuschen zu lassen. Denn der solcherart eingeschlossene Täter, konstatierte in den zwanziger Jahren Hans Prinzhorn, Psychiater, Sammler von Kunst der Geisteskranken und Autor einer Studie über die Bildnerei der Gefangenen, ist "wie ein Wild, das den Boden erspäht und Beute sich erhofft in Gestalt von Schuhnägeln, kleinen Drahtstücken, Nadeln, zerbrochenen Knöpfen und so weiter".

Für die Flucht aus dem Eingelochtsein kann potenziell jeder Gegenstand Nutzen bringen. So zum Beispiel das umfangreiche Nachschlagewerk "Der ehrbare Kaufmann". Sein Titel klingt derart harmlos, dass es schon wieder verdächtig ist. Und in der Tat: In der ausgehöhlten Mitte befindet sich eine Transistoranlage. Damit ist das Buch ein später Abkömmling jenes Folianten, mit dessen Hilfe Giacomo Casanova eine Pike in seinen Kerker schmuggeln ließ, um nach etlichen Tagen des Mörtelkratzens und Balkenbohrens seine Flucht aus den Bleikammern von Venedig zu bewerkstelligen.

Interessant auch die Musterzelle, die in einem Nebenraum des Museums eingerichtet wurde. Unter anderem hängt dort ein Porträt einer schönen jungen Südländerin mit großen Ohrringen, keck geknüpftem Kopftuch und einer Bluse, die nur wenig Ausschnitt zeigt. Ein Idealbild: Die Schöne fungiert als Abgesandte des wilden, bunten Lebens, in dem dennoch die Normen des Anstands gewahrt bleiben. Auf sie fallen die züchtigen Blicke des Museumshäftlings, dessen Lebensmaxime der Sinnspruch sein sollte, den ein tätowierter Gefangener im Bildteil des Werks von Hans Prinzhorn auf der Brust spazieren trägt: "Schöner kann sein kein Weib als Freiheit und Gerechtigkeit."

Die Zellenwirklichkeit freilich sieht anders aus. Da sind die Wände und Spinde mit pornografischen Fotos nur so gepflastert. Und nachdem der Besucher die ersten ausgehöhlten Gegenstände studiert hat, den Rasierschaumstift etwa oder die Taschenbatterie oder die Bürste, die Rauschgiftkuriere als Transportmittel verwendeten, verändert sich der Blick auf die Dinge. Die Pritsche mit ihrer blauweiß karierten Bettdecke, den Filzpantoffeln darunter und dem Bücherbord darüber, wo die Schmöker als Handbibliothek für kleine Fluchten arrangiert sind - das alles könnten auch Vehikel zur Verschleierung von Straftaten sein. Und wer aus dem vergitterten Fenster auf den Zellentrakt gegenüber schaut, dem ist schnell klar, was die Musterzelle auch bedeutet: Sie wird den künftigen Beamten als Sühneort gezeigt, dem nur das Kruzifix an der Wand und die Bibel auf dem Tisch fehlen, um als Mönchsklause durchzugehen. Die hier leben, haben keine unkeuschen Gedanken und wollen ihren Mitmenschen nichts Übles mehr, so scheint es jedenfalls.

Doch wenn Herr Roever auf den Spülkasten der Toilette deutet und ihn als Zwischenlager für Spritzbestecke und Haschischpfeifen und das Abflussrohr als Schnapsflaschenversteck identifiziert, wird man rasch in den listenreichen Gefangenenalltag zurückgeholt. Zur Vitrine des Täuschers etwa, der vor ein paar Jahren sich eines Tricks bediente, mit dem Clint Eastwood als lebenslang Verurteiltem die Flucht von der Gefängnisinsel Alcatraz gelang: Aus Kleiderteilen bastelte er einen mannsgroßen Torso, der als schlafendes Alter Ego den Fluchtbereiten ersetzen sollte. Aber was für ein monströses Ding hatte der Tegeler Täuscher auf sein Kissen gebettet: ein Wesen mit Wasserkopf, rosshaargeschmückter Struwwelpetermähne, schütterem Knebelbart und weit aufgerissenen Augen. Auch dem müdesten Wärter musste das beim Routineblick durchs Zellenguckloch spanisch vorkommen. So wurde der Delinquent, der, in einem Schrank versteckt, auf die nächste Gelegenheit zum Ausbruch wartete, bald gefunden, hinter seine gewohnten Gitter und sein Stellvertreter in die Museumsvitrine gebracht.

Was im Museum auffällt, ist das Fehlen aller Funddatierungen. Das verleiht den Objekten eine Gegenwärtigkeit, die - ganz im Sinne der angestrebten Misstrauensschulung - die künftigen Vollzugsbeamten zu ständiger Vorsicht mahnt. Wie in einer ethnologischen Sammlung sind die Vitrinengegenstände Beweisstücke, die Auskünfte über die Triebkräfte ihrer Hersteller versprechen. Gegenstände könnten nicht lügen, meinten schon die Völkerkundler Leiris, Griaulle und Jamin, die 1931 ein Standardwerk über die Präsentation von ethnographischen Objekten verfassten. Obwohl man auch im Gefängnismuseum auf die Unbestechlichkeit der Dinge setzt, wird diese jedoch ständig unterminiert. Das Harmlose und Unauffällige ist hier nur eine Verkleidung des Gefährlichen. Da wird das eiserne Handrad eines Heizungsventils zum Schlagring, ein Stuhlbein zum Knüppel; Plastikwannenstücke wiederum eignen sich besonders für das Destillieren von Schnaps. Ein rund gedrechseltes Holzstück, als Schlüsselanhänger deklariert, ist in Wahrheit ein Bolzen für Schläfenhiebe, schlichte Türbeschläge werden für die Machtkämpfe der Knastcliquen scharf geschliffen. In diesem Klima des Versteckens und Verheimlichens greift man auch gern auf den eigenen Körper zurück, um Drogen, Werkzeug- und Waffenteile zu schmuggeln. "Enddarmcontainer" nennen Experten die Plastikhülsen, die Patronen, kleine Feilen, Klingen und Sägen aufbewahren.

Der Leib, das ist die große Höhle, die das Verbotene verbirgt. Seiner Oberfläche, der Haut, wird in den langen Stunden des Alleinseins spezielle Aufmerksamkeit gewidmet. Da ist Muße für das Tätowieren, das schon Hans Prinzhorn zu den wichtigsten Bildkünsten der Gefangenen zählte. Im Tegeler Museum sind alle Sorten von Stichelwerkzeugen zu sehen. Lange galt die Tätowierung als Ausweis des Verbrechers: "Wer eine auf Tötung oder Sexuelles bezügliche Tätowierung freiwillig auf seinem Körper trägt", so heißt es in Erich Wulffens 1926 erschienener Kriminalpsychologie, "der bringt erstens schon eine entsprechende Anlage mit und kann zweitens in seinem Gefühls- und Vorstellungsleben von diesen Bildern, die er täglich betrachtet, beeinflusst werden." Was es mit dem Gegenzauber, den Symbolen der Frömmigkeit, auf sich hat, wird in dieser Mutmaßung über die subkutane Wirksamkeit der Bilder wohlweislich nicht erwähnt - zu leicht würde sich das als windige Spekulation erweisen.

Es gibt auch Werkstücke, die Erlösungsphantasien offenbaren, direkt und brutal, wie es dem Ort entspricht: jener an einem Halsband befestigter Brandsatz etwa, der für eine Geiselnahme gefertigt wurde. Oder die Kaffeedose, die eine Splitterbombe enthält. Die Explosion als ultimative Befreiung. Der Gedanke an die Freiheiten des Draußen bestimmt hier jeden Gegenstand. Dem kann sich auch der Besucher nicht entziehen. Ist er nach beendetem Rundgang durch das Museum Tegel wieder im Besitz seines Ausweises, überkommt ihn selbst in der tristen Umgebung der Justizvollzugsanstalt das Gefühl tiefer Dankbarkeit. Dann ist die Seidelstraße schon beinahe der Weg ins Paradies.

ANDREAS SELTZER

Kastentext:

Das 20. Jahrhundert ist Geschichte - und somit ein Fall fürs Museum. Das Museum des 20. Jahrhunderts aber ist überall: Es verbirgt sich hinter Schaufenstern und Ladentüren, in den Amtsstuben von Behörden oder in der Abgeschiedenheit privater Wohnungen. Meistens befindet es sich gerade dort, wo man alles vermuten würde, nur kein Museum. In der nächsten Zeit wollen wir an dieser Stelle Orte vorstellen, die unserer Idee von einem Museum des 20. Jahrhunderts doch nahe kommen.

erschienen am 27.04.2000, Nr. 98, S.BS3 in den Berliner Seiten der FAZ