Kriechtiere im Nasenloch
Museum des 20. Jahrhunderts (IV): Die mexikanischen Tanzmasken
des Malers Gerhard Christian Löwenstein


Der Maler Gerhard Christian Löwenstein ist vor mehr als zwanzig Jahren zum ersten Mal nach Mexiko gereist, um Belege des kontrollierten Ausbruchs und des Rausches in Augenschein zu nehmen. Seit dieser Zeit sammelt Löwenstein die Masken der Tanzkulte. Bevor er in Richtung Mexiko aufbrach, hatte er die heiligen Texte der Unruhe gelesen: die Bücher von Carlos Castaneda, Antonin Artauds Bericht über die Reise zu den Tarahumara-Indianern, Allan Ginsbergs "Geheul" und Jack Kerouacs "Unterwegs".

Löwenstein muss eine seltsame Erscheinung abgegeben haben, als er - aus dem eisigen New York kommend - die Grenze von San Diego nach Tijuana überquerte: im Wintermantel, auf dem Kopf einen Tirolerhut, an den Füßen zerschlissene, farbgesprenkelte Turnschuhe - in der exotischen Umgebung selbst ein Exot. Per Anhalter fuhr er nach Süden, wo das Land an Guatemala grenzt, und staunte, welche Bilder die Mischungen von Katholizismus und indianischen Traditionen hervorbringen. Überall begegnete Löwenstein den Grotesken der Totentänze; er fand sie in der Folklore genauso wie auf den Gemälden und Zeichnungen Posadas und Orozcos, Riveras und Kahlos. Und je näher man auf etwas sieht, um so ferner schaut es zurück. Der glücklichen Janet McPherson aus Manchester ist vor kurzem auf der Folienverpackung einer Rindfleischpastete das Antlitz Jesu Christi erschienen. Löwenstein hört von den Mumien von Guanajuato, deren vertrocknete Leiber zu Karikaturen einstigen menschlichen Lebens geworden sind und deren Köpfe mit ihren weit aufgerissenen Mündern aussehen wie in grässliche Todeskämpfe verstrickt.

Holzgeschnitzte, weiß und schwarz grundierte Totenköpfe gehören zu den ersten Tanzmasken, die Löwenstein damals erwarb. Sie sind Objektausdruck der letzten brutalen Wahrheit, die die Lebenden entweder in Demut verharren lässt oder sie zum Aufbegehren im gemeinsamen, stundenlangen Tanz anstachelt - bis zu jenen Momenten der Erschöpfung, da die Klage, die Fürbitte und die Halluzinationen Zugang zu den angerufenen Gottheiten verheißen. Während im monotonen Rhythmus des Kulttanzes das Eigene sich aufzulösen beginnt, bekommt der große Gleichmacher, der Tod, individuelle Züge: Mal erscheinen die Schädelmasken als Wasserköpfe, deren Zahnstummel von vielen Menschenopfern Zeugnis ablegen, mal als ausgezehrte, rosagefleckte, gelbgestriemte Gesichter mit schwarzumrandeten Augenlöchern, in die noch die Spuren des Fleckfiebers, der Cholera und der Lepra eingeprägt sind; dann wieder weisen die Häupter zerkratzte, eingedellte Hohlformen auf, sie lassen auf den Prankenhieb eines Jaguars oder das Würgen einer Anakonda schließen.

Wie bei den Mumien von Guanajuato tritt bei vielen dieser Masken das Gebiss raubtierhaft hervor; bei anderen sind die Zähne in knirschender Wut zusammengepresst oder wie durch rasenden Hunger aufgerissen. Einige haben bewegliche Unterkiefer, die beim Tanz kastagnettenähnlich klappern können.

Scharlachrote Zungen.

Wo es darum geht, feindliche Kräfte durch das Abbild einer anderen Kraft abzuschrecken, die stärker ist als sie, darf auch der Teufel nicht fehlen. Seine gehörnten, schwarz und rot bemalten Fratzen zeigen dem Betrachter scharlachrote Zungen. Damit, sagen Maskenforscher, sei keineswegs Verhöhnung gemeint; vielmehr knüpfe diese Geste an die Überzeugung der Naturmenschen an, dass ihre Körper umso stärkere magische Wirkung ausstrahle, je mehr sie ihn entblößen. Die ausgestreckte Zunge verleihe eine Kraft, die alles Böse überwinden könne.

In Löwensteins Sammlung sind der Tod und der Teufel die Grundgesichter. Auf sie deuten fast alle anderen Masken, die er in späteren Jahren aufspürt. Dabei führen die mexikanischen Erkundungen ihn besonders oft in die Provinz Guerrero. Dort arbeiten immer noch Maskenschnitzer, sind manche Händler und Sammler zu Hause.

Löwenstein legt keinen Wert auf Seltenheit und Kostbarkeit seiner Erwerbungen. Wichtig ist ihm die erste Wirkung, die den Blick fesselt, ihn verwirrt und in sprachlose Verblüffung versetzt. Die wachsende Sammelleidenschaft bleibt nicht ohne Auswirkung auf sein eigenes künstlerisches Schaffen. Was er unter dem Eindruck seiner Aufenthalte in Mexiko aufs Papier und auf die Leinwand bringt, ist alchemistische Exploration, die das Wunder der Bildwirkung ergründen will. Nicht selten sind seine Werke jenen Bewegungsstudien ähnlich, die von Arbeitsphysiologen mittels Lichtsignalen aufgezeichnet wurden, um neue Möglichkeiten der Rationalisierung und Effizienzsteigerung zu entdecken. Bei diesen Studien erscheinen vorm dunklen oder gerasterten Hintergrund phosphorizierende Strichbündel, rotierende Punkte, vibrierende Kurven oder sich auflösende Kardiogramme. Unter ihrer Strenge zeigen sie eine Leichtigkeit, die der arbeitswissenschaftlichen Aufgabe zu widersprechen scheint: Gegen alle Gesetze der herrschenden Ökonomie deuten sie dahin, wo Arbeit ihren Zwang verliert und zum Tanz wird. Aber Löwenstein tanzt nicht wie Jackson Pollock, sein Rhythmus ist nicht nachzuahmen, weil er sich in einem fort ändert. Was er macht, ist Tanz im Aggregatzustand der Malerei.

Und wenn er nicht im Atelier malt und zeichnet, fährt Gerhard Christian Löwenstein immer wieder nach Mexiko, wobei er sich an jenen Rat hält, den der Dichter Michel Leiris einst seinen in sterile Streitereien zwischen einzelnen Künstlergruppen und Literatencliquen befangenen Freunden empfahl: dass sie reisen sollten - nicht als Touristen, denn das hieße: ohne Herz, ohne Augen und Ohren, sondern als Ethnographen, so dass sie in einem weiteren Sinne menschlich genug werden, um ihre mittelmäßigen Manien zu vergessen und zu verlieren, was sie sich unter der Identität als Intellektuelle vorstellten. Der Sammler Löwenstein setzt sich jener Fremdheit aus, die den museal gewordenen Exotismus der klassischen Moderne prägte: die Adoration der Negerplastik, das große Indianergefühl, die Maskendekorationen der Künstlerateliers und Architektenvillen, die Begeisterung, die vor den Ethnographika zur Andacht wurde und Schönheit nannte, wo es um Anverwandlung bis zur Auslöschung ging.

Verkörperung böser Gedanken.

Zwischen den Orten, die Ahuacuotzingo oder Ixcoinatoyac heißen, in entlegenen Weilern, in Kramläden, auf Indianerbasaren und Flohmärkten findet Löwenstein manchmal noch Beispiele einer Groteskheit, die sich nicht dem Hunger der Souvenirjäger anbiedert. In den Tiertravestien etwa, schwarz und rot bemalten Affenköpfen, deren Mäuler so geöffnet sind, als wollten sie mit dem ersten Wort, das sie an die Menschen richten, einen uralten Verwandtschaftszwist beenden; in den Köpfen, die Schlangen zeigen, in Kampfstellung hochgereckt, in gefährliche Ornamentmuster gebogen oder, wie am Haupt der Medusa, als züngelnde, giftige Haarschöpfe.

Da bricht, als Stellvertreter des ungezähmten Bösen, als Verkörperung der schlechten Gedanken und Träume das Kleingetier über die Maskengesichter hinein, kriecht aus Nasen und Ohren hervor, quillt aus Mündern und Augen und nimmt als zweites Gesicht auf den Stirnen Platz. Ekel erregende Asseln, blutrünstige Vampire, ätzende Kröten, lähmende Spinnen, tollwütige Ratten, häufig haben sie ausgerechnet die Nasen der Masken erobert. Sie beugen sich tief über den Maskenmund, um den Lauten, die aus ihm dringen, nicht nur zu lauschen, sondern ihnen als Souffleure einen neuen Sinn zu geben.

So verharren sie in Gerhard Christian Löwensteins Wohnung. Wie für einen großen Tanz aufgereiht, starren sie auf seine Bilder und warten auf das Signal, das sie in Bewegung setzt.

ANDREAS SELTZER

Kastentext:

Das 20. Jahrhundert ist Geschichte - und somit ein Fall fürs Museum. Das Museum des 20. Jahrhunderts aber ist überall: Es verbirgt sich hinter Schaufenstern und Ladentüren, in den Amtsstuben von Behörden oder in der Abgeschiedenheit privater Wohnungen. Meistens befindet es sich gerade dort, wo man alles vermuten würde, nur kein Museum. In der nächsten Zeit wollen wir an dieser Stelle Orte vorstellen, die unserer Idee von einem Museum des 20. Jahrhunderts doch nahe kommen.

erschienen am 29.01.2000, Nr. 24, S.BS3 in den Berliner Seiten der FAZ